Kirchen im früheren Wedding
heute: Kirchenkreis Berlin Nord-Ost /
www.kiche-berlin-nordost.de
1. Teil
1250-1880
Die Entstehung der Kirchengemeinden
im ehemaligen
Kirchenkreis Wedding (heute fusioniert im Kirchenkreis Berlin Nord-Ost)
Ein kurzer historischer Rückblick
Der Beginn
Der Wedding ist ein junger
Bezirk. Lange Zeit ein verträumter Flecken bestehend aus Wind- und
Wassermühlen mit munter plätschernden Flüsschen, heute ein
verkehrsgeplagter Teil der Innenstadt voller multikultureller Impressionen.
Doch beginnen wir mit dem
Anfang. Es war immerhin im Jahre 1251 da das Wort Weddinge das erstemal
urkundlich erwähnt wurde. Berichtet wurde der Verkauf einer Mühle im
Gebiet dieses Dorfes am Fluss Pankowe an das Frauenkloster in Spandau. Der Name
Wedding stammt offensichtlich von der Familie Weddinge, die aus dem Harzvorland
stammte und wahrscheinlich im Gefolge der Askanier nach Brandenburg kam und
hier allerlei Grundbesitz erhielt, darunter offensichtlich auch den nach ihnen
benannten Flecken.
In einer weiteren Urkunde aus dem Jahr 1289 finden wir
die Bezeichnung "auf dem Wedding", die sich bis heute im Sprachgebrauch
erhalten hat. Danach legt sich mittelalterliche Dunkelheit über dieses
Fleckchen Erde, bis dann im Jahre 1601 der kurfürstliche Oberkämmerer
Hieronymus Schlick von den Bürgern von Berlin 50 in der Nähe der
Pauke gelegene Parzellen erwirbt und darauf eine Meierei errichtet, die
später in den Besitz des Großen Kurfürsten gelangt und nun
"Vorwerk Wedding" heißt.
Ein wenig in Vergessenheit
geraten und häufig den Besitzer wechselnd, machte dieses Gebiet
nördlich von Berlin wieder im Jahre 1701 Geschichte.
Die Legende
berichtet, dass der König Friedrich I erschöpft von der Kaninchenjagd
zu der Mühle an der Panke kam und dort von der schönen Müllerin
einen außerordentlich erfrischenden Trunk Wasser gereicht bekam. Dies war
Anlass genug, das Wasser untersuchen zu lassen und die Geburtsstunde des
Gesundbrunnens.
Die Quelle wurde gefasst, ein Badehaus errichtet und unter
Leitung von Dr. Behm der Kurbetrieb organisiert. Wer es sich nicht leisten
konnte zur Kur nach Eger zu fahren, der hatte auch hier die Gelegenheit zu
gesunden. Nach dem Tode von Dr. Behm und einem Besuch der Königin Luise,
durfte sich das Bad nunmehr Luisenbad nennen. Neben Mühlen und Kuranlagen
gab es im Gebiet des heutigen Weddings auch eine etwas schaurige Stelle.
Der heutige Gartenplatz hatte damals den Namen Galgenplatz, woraus wir
schließen können, dass hier vor dem Stadttor, die Todesurteile
vollstreckt wurden. Und in der Tat fanden auf diesem Platz bis zum Jahre 1837
öffentliche Hinrichtungen statt.
Die drei Zentren (Müllerstr./Badstr./Gartenplatz) waren nun auch die entscheidenden Punkte bei der Entstehung der ersten Kirchengemeinden.
Die klassische Zeit
Seit dem Jahre 1806 gehörte das Gebiet westlich der
Müllerstr. zur evangelischen Invalidenhauskapelle und das Gebiet
östlich der Müllerstr. zur Sophienkirche. Das hatte zur Folge, dass
die Bewohner der verschiedenen Kolonien, weite Wege zurückzulegen hatten.
Auch eine gewisse Sorge über den Verlust von Sitte und Anstand in den
jenseits der Stadtmauer gelegenen Gebieten, führten zu dem Plan, zwei
große Kirchen für die Gebiete Wedding und Moabit zu errichten. Der
Baumeister Karl Friedrich Schinkel wurde mit verschiedenen Entwürfen
beauftragt. Aber im Jahre 1832 entschied der König Friedrich Wilhelm III
stattdessen, vier kleinere Kirchen entstehen zu lassen.
Am 5. Juli 1835 war
dann der große Tag. Die Nazarethkirche wurde
von Bischof Dr. Neander eingeweiht und der erste Pfarrer, Dr. Karl Blume, in
sein Amt eingeführt. Acht Tage danach erfolgte auch die Einweihung der
St. Paulskirche am Gesundbrunnen. Zum Pfarrer
dieser Gemeinde wurde Christian Friedrich Bellermann bestellt.
Die anderen
beiden Vorstadtkirchen liegen außerhalb des heutigen Weddings (St.
Johannes in Moabit/St. Elisabeth in der Invalidenstr.). Alle vier Kirchen waren
von Karl Friedrich Schinkel entworfen worden.
Nun begann die Zeit der
Industrialisierung und das stete Anwachsen des Ballungsraums Berlin. So taucht
1851 an der Chausseestr. der Name Ernst Schering zum ersten Mal auf. Er kaufte
1867 ein Grundstück an der Müllerstr. und errichtet den ersten jener
großen Industriebetriebe, die später so kennzeichnend für den
Wedding wurden.
1883 wird die Deutsche Edison Gesellschaft gegründet,
die wenig später in Allgemeine Elektrizitäts- Gesellschaft (AEG)
umbenannt wird und in der Acker- und Brunnenstr. riesige Fabriken errichtet. Am
1. Januar 1861 wurden Wedding und Gesundbrunnen Stadtteile Berlins.
Vieles
konnte nun besser geplant werden. So entstand im Jahre 1861 ein neuer
gemeinsamer Friedhof der Nazareth, St. Paul und St. Johannesgemeinde in der
Seestr. Die Industrialisierung brachte naturgemäß auch viele soziale
Probleme mit sich. Die Gründung verschiedener diakonischer Einrichtungen
war die Folge.
Am 19. Juni 1865 erfolgte die Grundsteinlegung zum
Lazaruskrankenhaus. Die Einweihung erfolgte erst
1870, nachdem dort bereits vorher Verwundete des Krieges von 1866 versorgt
wurden. Auf Drängen des Pfarrers der Nazarethgemeinde Diestelkamp wurde
aus Anlass der goldenen Hochzeit des alten Kaiserpaares am 11. Juni 1879 die
Altersversorgungsanstalt der Kaiser-Wilhelm-und-Augusta-Stiftung
gegründet.
Im Jahre 1885 wurden auch die Neubauten des
St. Georgen- und Heiligen Geist-Hospitals, das bis
dahin in der Innenstadt gewesen war, an der Ecke Reinickendorfer/Exerzierstr.
errichtet. Gegenüber diesen Neubauten entstand 1892 die
Lange-Schucke-Stiftung. Nach dem Willen der
Stifterin Frau Adelheid Clara Lange geb. Schucke sollten mit ihrem
Vermögen unbescholtene evangelische Witwen und Jungfrauen aller
Stände eine Zuflucht erhalten. Alle drei Einrichtungen haben heute eine
gemeinsame gottesdienstliche Begegnungsstätte im Haus der Begegnung.
Am 200. Todestage des
berühmten evangelischen Kirchenliederdichters wurde das
Paul-Gerhardt Stift begründet. Das neue
Diakonissenstift wurde in den Jahren 1887/1888 in der Müllerstr.
errichtet. Die Diakonissen des Stiftes waren über Jahrzehnte in den
verschiedenen Weddinger Gemeinden tätig. Im Jahre 1878 kam es zu einem
Attentat auf den alten Kaiser Wilhelm I. Aus Dank für die Errettung
stiftete dieser eine Kirche, die 1882 bis 1884 auf dem Weddingplatz errichtet
wurde und die den Namen Dankeskirche erhielt. Die
Gemeinde wurde aus dem Südteil von Nazareth und dem Westen von St. Paul
gebildet. Die Einweihung fand am 3. Januar 1884 durch Generalsuperintendent
Brückner statt.
In den Jahren nach 1880 versiegte auch die Heilquelle
am Gesundbrunnen. Das Gelände wurde verkauft und die berühmt,
berüchtigten Berliner Mietskasernen errichtet. Die gastronomischen
Einrichtungen stellten sich um und statt heilkräftigem Wasser wurden nun
härtere Getränke ausgeschenkt. Die Badstr. wurde zur
Vergnügungsmeile mit höchst zweifelhaftem Ruf. Als der große
Dichter Theodor Fontane auf seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg auch
durch diese Gegend kam, stellte er einen Mangel an allem Malerischen fest. Der
einladenden Aufschrift an einem Wirtshaus "Zum freundlichen Wirt" mochte er
nicht glauben. "Wer könnte freundlich sein in solcher Behausung und
Umgebung". Und Pfr. Buttmann von der Paulskirche beschwerte sich
nachdrücklich, dass seine Abendandachten regelmäßig durch das
Grölen der Betrunkenen in der Badstr. gestört wurde.
Pfarrer Andreas Hoffmann (Kreisarchivar)
Quellen: 700 Jahre Wedding,
Geschichte eines Berliner Bezirks, Berlin 1951
Evangelische Kirchen in
Berlin, Günther Kühne/Elisabeth Stephani, Berlin 1978